Laudatio zur Verleihung des Ehrenpreises der Filmhochschule „Konrad Wolf“ Potsdam Babelsberg an Jürgen Böttcher

„Wie ein altes wesentliches Lied aus der Kindheit hat sich mir in den letzten Tagen ein Gedicht Apollinaires wieder aufgedrängt, das er in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs in Erinnerung an die kostbare, unwiederbringliche Zeit des Friedens niederschrieb: "Es war eine gesegnete Zeit, wir waren am Strande frühmorgens, barfuß und ohne Hut gingen wir. Und schnell wie eine Krötenzunge traf die Liebe die Narren wie die Weisen ins Herz".
Das sagte der Dokumentarist Jürgen Böttcher, der Maler Strawalde, ziemlich zu Beginn einer Laudatio für die Schauspielerin, Sängerin und Freundin Eva Maria Hagen, die er seit Mitte der sechziger Jahre kennt. Eine Laudatio, zur Verleihung der Carl-Zuckmeyer-Medaille, in deren Entwurf, wie er zugeben musste, er sich verheddert hatte. Zu nah das Ganze, zu viel, das zu bedenken wäre, um dann den Entwurf in dem er sich verheddert hatte zu verwerfen und statt dessen wie im Atelier einem Interessierten „die eine oder andere Zeichnung, das eine oder andere Bild aus einer Fülle von Zeichnungen und Bildern hervorzuholen, anderes wegzulassen, meist intuitiv.“
Die DEFA Stiftung in ihrer Biografischen Darstellung zählt 47 Filme Jürgen Böttchers auf, ich kenne in Wirklichkeit nur einige davon. Von Strawaldes Bildern gar nicht erst nicht zu reden. Ich werde mich hüten hier anderes zu behaupten noch ein Gesamtwerk zu würdigen, wie das wohl heißt. Doch  Jürgen Böttcher,  der Strawalde, ist einer der Menschen, die prägend auch auf mich wirkten, ob ich das wollte oder nicht und zwar durch das, was mir als sein Werk bekannt wurde, und später, als ich ihn selbst kennen lernte, auch so, durch seine Gedanken, das was er zu sagen wusste, wenn ich ihm zeigen konnte - und durfte -  was ich selbst zustandebrachte oder auch nicht, so dass wir ins Gespräch darüber kamen oder ich einfach zuhörte. Und er war ehrlich. Es würde sich lohnen, genauer zu gucken, als ich dazu hier in der Lage bin, wer überhaupt alles was und wie von Jürgen Böttcher, von Strawalde, so gelernt hat fürs Leben.

Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit ihm, ich war 17 Jahre alt. War es die Premiere? Das erinnere ich nicht. 1972 „Wäscherinnen“ im Kino Camera in einer Ruine der Oranienburger Straße von Berlin. Ein Gebäude,  das 18 Jahre später  - immer noch Ruine - Tacheles genannt wurde und in dem heute noch immer Kino stattfindet. Aber anders und auch nicht mehr lange.
Ich erinnere mein aufgeregtes Glück, dabeizusein. Ich weiß noch, dass ich gerannt bin zum Kino. Ich weiß nicht mehr warum, ich war Lehrling in der Berliner Druckerei, Tiefdruck. Vielleicht lag es am Schichtdienst. Ich hatte davon gehört. Aber zu sehen, dass so etwas geht: Diese rumpelnd drehenden Wäschetrommeln, verbunden mit Musik von einer heute würde man sagen Garagenband. Die durch diese und den Lärm der Wäscherei lachenden, jungen, sympathisch frechen Mädchen, die den interessierten, Anfang vierzigjährigen, für sie ja alten Mann neben der Kamera, wie eben junge Frauen tun, durchaus auch kokett, in freundlicher Distanz hielten, während sie gleichzeitig zuließen, dass er sie lange ansah. Und sie erzählten ihm ihre Träume. Hemmungslos. Sie hatten nichts zu verbergen. Sie waren offen und selbstbewusst in ihrer harten, oft eintönigen Arbeit. So offen war ich nicht Fremden gegenüber und hatte meine Gründe. Aber ich wäre es gern gewesen und auch deshalb machte mich der Film, die Mädchen darin, wie später die Jungen, so überraschend froh. Und irgendwann in diesem Film, fiel ein Wort, dessen Bedeutung heute kaum einer mehr hier im Saal erahnen dürfte. Schneeglöckchenstraße. Das hatte nichts mit ersten Frühlingszeichen zu tun.
Dort in der Schneeglöckchenstraße im Stadtbezirk Köpenick, befand sich eine  Einrichtung, deren wirklichen Namen ich gar nicht weiß, noch je wusste, weil Schneeglöckchenstraße ein alles umfassendes  Synonym für diesen Schrecken war: Ein Büro des Stadtbezirks, welches Schüler auf der Suche nach einer Lehrstelle für ihren Traumberuf, abzubringen hatte von diesem brennenden Lebenswunsch, um sie nach Planvorgaben zu ganz anderem zu bewegen und sie in von ihnen meist ganz und gar nicht gewünschte Lehrstellen zu vermitteln. Man wurde, so hieß das tatsächlich, in der Schneeglöckchenstraße „überzeugt“. Ich kenne niemanden, der nicht mit eingezogenem Kopf dort „überzeugt“ herauskam.
Wenn Sie Jürgen Böttchers Film „Wäscherinnen“ wieder sehen oder neu und zum ersten Mal, dann achten Sie auf die Gesichter, den fatalistischen, aufscheinenden Augenblick darin, wenn sie das Wort Schneeglöckchenstraße sprechen oder hören, und sehen Sie, wie diese Gesichter sich dann trotzig oder lachend wieder verwandeln in neuem Selbstbewusstsein, wie sie die Schneeglöckchenstraße abschütteln, um mitten im Haßgegeliebten auf den eigenen Träumen, auf ihrer Freiheit zu bestehen. Und dann drehten die jungen Frauen die Hähne auf und der allgegenwärtige Dampf rauschte aus den Ventilen und waberte  eindrucksvoll durch die Wäscherei. Und Jürgen Böttcher erfuhr erst weit hinterher, dass sie dies für ihn taten, denn so in diesem Dampf wollten sie dramatisch gesehen sein. Dann nach der Arbeit, im Umkleideraum, schminkten sie sich schön für den Tanz mit den Jungs von der Müllabfuhr. Und dann flossen Wein und Bier und Glück geschah und Unglück blieb übrig. Und alles war Jugend. Und war DDR.
Das intakte Kino in der oberen Etage der Ruine war proppenvoll, die Luft stickig, die Menschen gelöst. In meiner Erinnerung stand nach der Vorstellung auf dem Treppenabsatz ein Tisch vor dem Fenster und daran saßen Jürgen Böttcher und Wolf Biermann und lachten einander an und warfen sich im offenen Gespräch die Bälle zu und das dicht gedrängte Publikum lachte mit. Und das war 1972. In einer Zeit kurz aufscheinender Möglichkeiten, eines Vorfrühlings vielleicht, den auch ich da zu erkennen glaubte, nicht lang nach Honneckers Machtantritt, mit Grundlagenvertrag zwischen beiden deutschen Staaten, nun zu mehrfachem Besuch berechtigenden Passierscheinen für Westberliner, und es war im Neuen Deutschland, dem Zentralorgan, tatsächlich von  „Weite und Vielfalt“  der Kunst die Rede, und es gab endlich eine Fristenlösung beim Schwangerschaftsabbruch. Doch es war kein Vorfrühling, es war immer die Schneeglöckchenstraße, die geschah. Mit der einen oder andern Blüte, die das schmutzige Eis durchbrochen hatte.
Ich bin ziemlich sicher, dass ich Jürgen Böttcher erst sechs Jahre später auf der Filmhochschule wieder wahrgenommen, gesehen habe. In Babelsberg hinter dem Schild mit dem „Halt Staatsgrenze“. Da war Wolf Biermann längst ausgewiesen und nach dem bissel Getaue, der Winter deutlich wieder da und viele waren verschwunden, gegangen, nicht mehr erreichbar.
Und dann kam einmal Jürgen Böttcher, erinnere ich mich. Diese Erwartung, innere Aufregung. Es war wohl keine wirkliche Sehnsucht, aber die war dabei. Das ist mir sehr deutlich und das gibt es heute gar nicht mehr. Heute gibt es da so viel, und das schreit einen so sehr an, dass es sich gibt, dass man die Augen/Ohren schließen muss, es auszuhalten.
Damals, als insgesamt mehr Stille war, war kein Herankommen an Jürgen, denn der war umringt von jungen, studierenden Frauen, die hießen Helke, Petra und Gudrun und Angelika und wer weiß wie noch und sie bewachten ihn in Form einer undurchdringlichen Wolke, wie mir schien, und aus der lugte ein oben –  wie ich heute glaube – schon damals lichter Kopf mit schwarzem Haarkranz heraus – aber das muss nicht stimmen – die Wolke aber schwebte durch den Raum. Der Raum lag im Grenzgebiet  und war nur mit einer schriftlichen Genehmigung zu betreten.
Das kann ich mir vorstellen, dass das ein schönes Gefühl ist, so umflort von interessanter Schönheit, für diesen Kopf, und das sah man in Deinem glänzenden Gesicht, aber dahin kam ich nicht durch, und gehörte wohl auch eh nicht recht dazu, und sah es aus der Ferne und einen neuen Film auf der Leinwand. Ich weiß noch wie mich die Farbe von „Martha“ erschreckte, die mir eine Zeit lang schien wie Verrat. Aus Köpenick in die Stadt fahrend, wie man als Randstädter so sagte, war ich während meiner Lehrzeit täglich mit der S – Bahn an Martha vorbeigefahren, an der Steinmühle am Betriebsbahnhof Rummelsburg, wo gleich neben dem Gleisen mit scharfem Geräusch Steine abgerissner Häuser zu Kies vermahlen wurden, wie vordem dort die Berliner Trümmer des Krieges. Und am Fließband stand 1978 immer noch Martha, immer noch Trümmerfrau, seit dieser große Krieg vorbei war, der Jürgen Böttcher prägte und auch mich wie ich erfuhr, sonderbar und vielfach im Griff hatte, der ich zehn Jahre nach seinem Ende erst geboren wurde.
Hinter den Steinmühlen sah man die weißen und gelben Plattenbauten des Hans-Loch-Viertels. Und Jürgen schob eine Vase mit Blumenstrauß ins das Bild seines Films. Für Martha.
Über Frauen und Jürgen Böttcher wäre überhaupt einiges zu sagen, das nebenbei, lass ich aber jetzt lieber.
Wolfgang Dietzel, der Kameramann redete nach der Vorführung von „Martha“ dann ganz viel zu uns Studenten, ich glaube, Jürgen eher nicht, was selten ist und an das Was kann ich mich überhaupt gar nicht mehr erinnern, nur die Bilder des Films sind geblieben: Wie Martha da am Fließband steht, die mich an eine andere Martha, wahrscheinlich gleiche Martha erinnert, wenn ich das vielleicht abwegig hier sagen darf, Martha Adamietz, eine Frau, die in meiner Kindheit zweimal die Woche kam und sauber machte und den Haushalt, und meinen Bruder und mich über längere Zeiten erzog wenn unsere Eltern in der Uni waren.  Diese beiden Marthas waren sich sehr ähnlich. Und nach der langen Zeit sind sie mir zu einer verwachsen.
Sie arbeiteten immer und fragten nicht viel und manchmal rutschte ihnen zu Recht die Hand aus. Und wie die Blumenvase ins Bild rutscht erinnere ich und das war im Unterricht bei Herrn Baumert, so hat es Petra Tschörtner mir gesagt, mit der ich in einer Klasse war und die ich nach „Martha“ noch einmal gefragt habe, gestern.
Dabei wollte die Hochschule für Film und Fernsehen der DDR mit einem Jürgen Böttcher gar nichts zu tun haben und Petra Tschörtner, die ihn so gern als Mentor gehabt hätte für ihren kleinen Dokumentarfilm, um den sie kämpfte mit Leuten – mit Figuren müsste man eigentlich sagen, aber lassen wir das jetzt. Sie kämpfte um einen Film, den sie mit Angelika Andrees zusammen machen wollte, ein Film über ein Kinderheim.
Jürgen Böttcher war eine unerwünschte Person an der Hochschule für Film und Fernsehen der DDR. Nicht für jeden der darüber schwieg. Auf der entscheidenden Ebene, wie man das nannte, schon. Und es führte kein Weg dahin, dass ein Jürgen Böttcher Mentor eines kleinen Films der Studentin Petra Tschörtner wurde. Und so wurde nichts daraus und der Film über das Kinderheim ist Fragment geblieben. Eines von Vielen.
Wie auch Jürgen Böttcher natürlich nicht der einzige war, der hier nicht erwünscht war, auch ein Konrad Wolf war es nicht und ein Heiner Carow auch und eine ganze Reihe mehr, natürlich. Warum sage ich natürlich. Das muss immer wieder gesagt werden, denn es erzählt etwas über die Wirklichkeit, die komplexe Widersprüchlichkeit eines Landes, in dem wir, das meint meine Generation, uns zurechtzufinden hatten, und erzählt vom Leben, von dem wir erzählen wollten, wir Studenten, damals. Heute auch.

Weitere sechs Jahre später war ich schon zwei Jahre wieder raus aus dieser Hochschule. Ich  hatte – erfolgreich bearbeitet, wie das hieß – resigniert, meine Exmatrikulation aus ihr beantragt und erhalten. Aber da gab es einen kurzen Film. Der hieß „Rangierer.“ Den hatte Jürgen Böttcher gedreht mit Thomas Plehnert an der Kamera und Gudrun Plehnert hat ihn geschnitten und der erzählt schweigend in großartigen Schwarzweißbildern die Arbeit von Rangierern des Güterbahnhofs Dresden-Friedrichstadt im dünnen Schnee. Sie haben ihn gesehen.
Was haben sie gesehen. Bei jedem Wetter, Tag und Nacht koppeln sie Waggons an und ab in einem der wenigen Gefällebahnhöfe, in denen zum Rangieren die Schwerkraft benutzt wird. Sprache nur ein Klang, Geräusche erfüllen die Luft: Das Schlagen von Eisen auf Eisen, das Rollen, das Bremsen, die Pfiffe, die Schritte der Rangierer am Gleis in der Kälte. Kein Wort. Denn es gab nichts mehr zu sagen. In Dresden hat Jürgen Böttcher Malerei studiert nach dem Krieg. Und jetzt war 1985. Dieser Film bekam in Leipzig den Preis des Ministers für Kultur. Das muss man sich mal vorstellen.  Der Schizo ist das kleinste Kollektiv.
Womit mein Stammeln bei der Malerei Strawaldes angelangt wäre. Von der seinen habe ich in einem Moment verstanden. Als die beiden Akademien Ost und West in einer hier nicht auszuführenden, ich sag mal „komplexen“ Weise sich „bemühten“ zu einer zu werden, geschah, dass ich irgendwie in eine Veranstaltung dieser noch nicht oder gerade so vereinten Akademie hineingelangte und da saß Jürgen Böttcher, und es ging um Filme und ich sagte zu ihm: Du malst ja nur noch. Und das traf ihn so, dass er lachte, mich aus nämlich, zu Recht. Und ich wollte von ihm aber einen Film, so wie früher, zu dem, was draußen auf der Straße geschah. Ich hatte immer noch nicht begriffen, dass so einfach die Dinge nicht liegen. Wenn man lebt.
Am Frauentag diesen Jahres, dem 8. März, liefen in der Akademie der Künste am Pariser Platz zwei erste Filme von Studentinnen. Der eine war ein Film von Bettina Büttner über Kinder zwischen acht und zwölf Jahren eines Kinderheims in Süddeutschland, eine Beobachtung ihres Alltags. Von Verletzungen, die sie erlitten und zufügten, und die manchmal auch im guten Bemühen entstanden. Ein Film mit einer reifen, achtenden Teilnahme, welche das glasklare Bild des Missglücks, des Nichtgelingens von Heimerziehung wie Familienleben, an diesen Kindern zeigt, ohne Netz und ohne Boden. Ohne Sensation. Wie auch die so leicht zu brechende Unschuld dieser Kinder. Die Waffen als Werkzeuge beschreiben, eine Gaskammer als aufregende Sache, die Mord spielen und Leiche Verstecken. Und wir sehen, wie die Sexualität dieser Kinder erwacht, die einige auch als Missbrauch erfahren haben. Ein eindringlicher Film über das Heranwachsen. „Wir sind nichts Besonderes!“ ruft Marwin seiner Mutter zu, die ihm nicht helfen kann in ihrer Ratlosigkeit, deren dicke Liebe ihn auch zerstört, und der sich am Ende eine Höhle baut, klein genug, dass nur er, der dicke,  unglückliche Junge, da hineinpasst.
Und ein zweiter Film war zu sehen, über einen alten Mann im Rollstuhl. Den hatte eine andere Studentin, Serpil Turhan aufgesucht, mit einem alten Text dabei von Heiner Müller, Wolokolamsker Chaussee 1, Russische Eröffnung. Das war die Aufgabe, zu der sie arbeiten sollte.
Der Text handelte von etwas, mit dem sie wenig anzufangen wusste und lange her war, weit vor ihrer Geburt geschehen. Der Text erzählt von einem sowjetischen  Kommandanten, der einen seiner Soldaten wegen Feigheit vor dem Feind erschießen lässt, aus Angst vor der eigenen Angst, 120 Kilometer vor Moskau, dass die Deutschen nicht erreichen dürfen, 2000 Kilometer von Berlin.
Serpils Turhans Eltern sind kurdische Aleviten aus einem ostanatolischen Dorf, ihre Mutter spricht kaum deutsch, sie spricht das Türkisch der Stadt, das ihre zweite Sprache ist, die erste war aus den Bergen, Kurmandschi ist fast vergessen. Sie hat nie eine Schule besucht. Serpils Sprache aber ist Deutsch, denn sie ist 1979 in Neukölln geboren, Endstation Alt Mariendorf, und die Sprache ihrer Eltern bereitet ihr Schwierigkeiten. Sie vergisst. So war die Studentin zu diesem alten Mann gegangen, mit diesem Text, der ihr wenig sagte, zu einem Mann, den sie hilflos und einsam gesehen hatte in einem Altersheim von Karlsruhe. Es war seine Zeit, von der der Text handelte und seine Zeit war der Krieg.
Und dieser alte einsame  Mann begann diesen Text mit einer Lupe mühselig zu entziffern. Vor dieser jungen Frau, der Studentin. Und er las nur wenige Zeilen und dann brach er ab und begann von sich zu sprechen und seiner Zeit. Und von der SS und der Reiterdivision unter Hermann Fegelein. Und die Studentin hörte zu. Und ihm ging es immer gut und nie habe er geschossen, nicht ein einziges, nur ein Mal. Aber da wusste auch niemand wer die scharfe und wer die Platzpatrone hatte, bei dieser Hinrichtung. Und die Entnazifizierung hatte er lachend aus der Portotasche bezahlt, erzählte er ebenso lachend und es war einer, der da hilflos und krank saß, und „das wäre fehl am Platz, wenn ich was bereuen tät“, sagte er noch. Serpil Turhan erfuhr erst im Militärarchiv in Freiburg, wo sie nachholte, was ihr bis dahin unbekannt war, dass diese SS Kavallerie in der Herr Berner so glücklich war im Sommer 1941  im Gebiet der weißrussischen Pripjatsümpfe 25.000 Juden erschossen hatte. Und das hatte die Studentin jetzt gelernt. Und von diesem Lernen erzählt dieser verstörende 16 Millimeter schwarzweiße Umkehrfilm, handentwickelt in einem Eimer.  
Jürgen saß im Publikum, das schwieg, wie immer, wenn Filme besprochen werden, und es eine Weile dauert, bis man das zu benennen vermag, was einen bewegt oder nicht. Dann sprang er geradezu auf. Und er erzählte eine andere Geschichte. Darin ging es nicht nur um sein Leben. Das war ergreifend. Und es war wahr. „Ich bin Jahrgang 31“, sagte er und „ich habe den Krieg als Kind schon relativ bewusst mitbekommen. Über Filme, die wir ansehen mussten als kleine Nazijungen, jede Woche Sonntags zur Jugendfilmstunde. Mein Bruder, Jahrgang 22, wahrscheinlich so alt wie dieser Mann, musste mit 18 Jahren nach Russland, Panzergrenadiere, Kesselschlacht Charkov, in Stalingrad verwundet schwer, aber er ist rausgekommen. Und er war die ganze Zeit in der Wehrmacht ein einfacher Soldat. Sehr sensibel und sehr zerhackt, psychisch, das hab ich gemerkt, als sein kleiner Bruder. Ich hab das bemerkt, wenn er verwundet einmal da war. Und dann wurde er zu einem Lehrgang geschickt, 1944, damit er vielleicht doch ein Unteroffizier werden könnte und dort wurde er aus Versehen von einem Kameraden mit einer Platzpatrone erschossen. Und das war dann mein erster Toter, als ich so zwölfeinhalb war. Mein einziger Bruder.“
Beide Filme waren erste Filme von Studenten. Dokumentarfilme, die mehr waren, als Fenster zur Wirklichkeit. Die Studentinnen hatten sich mit ihnen gequält und sie hatten mit ihnen Entdeckungen gemacht, die sie auf immer veränderten.
„Strawalde hat erfahren, dass die sichtbare Welt in den Gefühlen, die sie beim Betrachter auslöst, ambivalent ist. Empfindungen sind abhängig von den positiven oder negativen Erlebnissen, die der Einzelne mit dem Gesehenen verbindet. Die Erfahrung der Ambivalenz macht ihn zum Maler von Gegensätzen, der vom Grauen und von der Lust des Lebens erzählt. So ist für ihn in den „Erdbildern" das Grün immer das Grün des Mai im Jahr 1945, dessen Frische zum Symbol des Neuanfangs wurde, im Braun mischt sich der Geruch der fruchtbaren Erde mit dem der Toten, die er als Kind auf den Feldern fand. Strawalde hat gelernt, dass seine persönlichen Erfahrungen sich mit denen einer ganzen Generation decken. Und er hat gesehen, dass es ihm im Kunstwerk gelingt, die Subjektivität auf eine Stufe allgemeiner Einsicht zu bringen, indem er die subjektive in der allgemeinen Erfahrung erlebbar macht.“
Das ist von Ursula Zeller ein Katalogtext zu Strawalde, überschrieben „Aus der Mitte des Lebens.“
In seiner Wohnung in Karlshorst, ich habe Jürgen dort zwei Mal besucht.
Einmal zu einem Geburtstag, da hatte mich die Schnittmeisterin Gudrun Plenert mitgenommen, das muss 2002 gewesen sein, wir schnitten gerade an VATERLAND und saßen bei Jürgen Böttcher, bei Strawalde, im Garten,  und einmal jetzt vor drei Wochen.
Jürgen hatte vier Sorten Bier gekauft, weil er nicht wusste, welches meine Lieblingssorte ist. Mit dieser Fürsorge war ich erst einmal erledigt und mir fiel nichts mehr ein. Und dann saßen wir an einem mit herrlichen alten Gläsern bestellten – sagt man so? – Tisch. Er mit dem Fenster im Rücken, ich mit Blick auf seine Bildermengen, nach denen ich mich gar nicht traute zu fragen, um sie anzusehen. Ich hatte argentinischen schweren  Rotwein mitgebracht. Den tranken wir dann. Und an diesem Spätnachmittag erzählte mir Strawalde, dass er jetzt erst begriffen habe, was er da male manchmal, und dass es das Licht ist, das durch die Bäume seiner Kindheit blitzt, durch die Wälder der Lausitz. Und draußen war ein erster Tag der wie ein Sommer war, der Himmel blitzend blau, wie «Summertime» in Prerow an der Ostsee, 1964. „Verliebt und hübsch sind die Jungen und Mädchen – barfuss in Jeans und lässigen Pullovern. Sie lieben das Gitarrespielen am Strand und den Tanz in den Morgen. Unzählige Tage sind erfüllt von Faulsein, Balgen im Sand, Glück und dem Nachdenken über die offene Zukunft. Einer spricht über seine Liebe zur Musik, einer über seinen Freund, viele über ihre beruflichen Pläne, Träume und Abenteuerlust. Ein heiterer atmosphärischer Film, erfüllt vom Lebensgefühl der Sechzigerjahre, das entfernt an Woodstock erinnert.“
Was soll ich sagen Jürgen, das geht mir alles durch den Kopf, und wäre mehr Zeit, und hätte ich die, könnte ich viel mehr finden, dass mich von Dir beschäftigt, da ist viel ungesagtes. Aber das mag jeder entdecken, und für sich und in Deiner Malerei, in Deinen Filmen. Und es sind nicht so viele, die in meinem Leben mir ein Lehrer waren, das muss ich schon sagen. Danke.
Thomas Heise, 7. Mai 2011